Q.U.I.C.H.E. ist ein queeres Schreibkollektiv aus Basel

Vilhelm Hammershøi – Silence: Hauser und Wirth Basel

New York, Paris, London, Hong Kong, Hollywood, St. Moritz, Los Angeles, Somerset, Zürich, Gstaad, Menorca, Monaco und jetzt ganz taufrisch im endlosen Frühjahrsregen des Jahres geschlüpft: Basel. Hauser & Wirth erweitert, verschmilzt, synergiert, baut an, ergänzt, oder wie man auch immer sagen will, die Basler Galerie Knöll und eröffnet im Luftgässlein eine weitere Schweizer Dependance. 

Nun wird im Hause Hauser für gewöhnlich eher geklotzt denn gekleckert, aber im beschaulichen und protestantischen spröden Basel eröffnet die Galerie mit den minimalen und zarten Bildern des dänischen Malers Vilhelm Hammershøi. Das ist einerseits sehr passend, da die nordisch kühle Melancholie sich in den Menschen der Stadt spiegelt, die im ausbleibenden Sommer durch die Pfützen der Strassen laufen. Das ist andererseits aber auch etwas skurril, da das Luftgässlein in Basler Manier eine riesige Baustelle ist, in der es hämmert und scheppert und wo von der “Silence” nicht allzu viel zu spüren ist. 

Die Bilder selbst kommen aber auf den hellgrauen Wänden der niedrigen Galerieräume hervorragend zur Geltung. Es ist richtig andächtig an der Vernissage, auch wenn enorm viel Publikum da ist, dem das Geld aus allen Poren zu tropfen scheint. Aber ab einer gewissen Vermögensschicht beginnt sich das Haupthaar anders zu verhalten und die von gut bezahlten Händen sorgfältig geföhnten Frisuren wippen elegant an Hammershøis einfachen dänischen Stubenmädchen vorbei. 

Ich bin mir beim Betrachten von diesen Frauen in den kalten, beinahe verlassen wirkenden Innenräumen auf den Gemälden immer unsicher, warum sie eine solche Anziehungskraft auf mich haben. Sehe ich mich selbst in ihrer Einsamkeit? Sehne ich mich nach der Einfachheit ihres Daseins? Oder möchte ich insgeheim in der Rolle der Abwesenden sein und mich in dem Wissen wiegen, dass dort in meinem bürgerlich gesetzten Hause jemand mit einer stillen Sehnsucht auf mich wartet? Hammershøis Frauen (die eigentlich immer Ida, die Frau des Malers sind) mit ihren abgewandten Gesichter lassen die Figuren zu einer idealen Projektionsfläche werden. Sie sind in der Leere der Räume so platziert, dass die Bilder wie Filmstills wirken. Das Drehbuch zu diesen Momentaufnahmen bringen die Betrachter*innen selbst mit und ergänzen die Arbeiten durch Geschichten, die man erzählt haben möchte. Die Werke selbst heissen häufig einfach nur “Interior”, auch wenn auf ihnen Personen erscheinen. Auch in dieser Ausstellung ist ein Bild mit dem Titel “Courtyard Interior at Strandgade 30”, was völlig verschweigt, dass im Zentrum dieses Bilds eine Frau aus dem Fenster schaut. Obwohl man sie von vorne sieht, sind ihre Züge nicht erkennbar, da sie den Kopf müde oder traurig oder demütig senkt. 

Durch die Setzung solcher Titel mag man fragen: Gehören die Menschen damit zur Einrichtung eines Hauses? Besonders wenn die Dargestellten in einem Bedienstete sind? Sind die Frauen mit abgewandtem Gesicht keine Individuen mehr, sondern eher Einrichtungsgegenstände? Und falls das so ist, was sagt dann diese Entmenschlichung über meine eigene Identifikation mit der Stimmung und den Figuren in den Bildern? Will ich selbst meiner Traurigkeit entfliehen und Objekt werden? Möchte ich Teil eines Interieurs werden, um nicht mehr die Last des individuellen Bewusstseins zu tragen?